Erinnerungen eines Murstettner "Zehnerjägers" von 1859

Ausgabe vom 09.06.1909

Ein ehemaliger„Zehnerjäger", Herr Karl Müller,
Privatbeamter, 3. Bez., Trubelgasse 5, hat sich an die
österreichischen Kameraden gewendet, die gleich ihm vom
Juni bis Ende August 1859 zu Napoleonville in der
Bretagne in französischer Kriegsgefangenschaft
waren. 
Ein geselliger Abend sollte die Leidens­gefährten vereinigen.

Doch die Gefangenen von damals sind teils gestorben, teils in alle Winde zerstreut und kein einziger konnte sich mehr melden. 

Herr Müller, der jetzt 71 Jahre alt ist, erzählt über die Episoden seiner Gefangennahme durch die Franzosen folgendes: 

Am 25. März 1859 wurde er in St. Pölten zum 10. Feldjägerbataillon assentiert und sofort nach Triest transportiert. 

Dort wurden die Rekruten vierzehn Tage lang im Laden, Feuern und
„Tiraillieren" unterwiesen. Dann ging's per Schiff nach

Venedig. 

Die Jäger trugen Zwilchblusen und einen Jägerhut aus Holz. 
Bewaffnet war die Truppe mit dem „Dornstutzen", Vorderladern mit einem „Dorn", der zwischen der Kugel und der Pulverkammer sich befand. 

Das Bataillon rekrutierte sich aus dem Heßer-Regimente. 

Mittelst (Eisen­bahn fuhr das Bataillon nach Verona, marschierte nach
Pavia und kam bei Palestro und Montebello anfangs Juni
ins Feuer. Bei Buffalora wurde ein Brückenkopf erfolgreich

verteidigt.
Am 4. Juni wurde bei Maqenta von halb 8 Uhr früh bis 6 Uhr abends auf das tapferste gekämpft.

Um halb 9 Uhr geriet Müller mit zahlreichen Kameraden in französische Gefangenschaft.

Er wurde nach Genua gebracht. Von dort erfolgte der Transport nach Marseille.
In Marseille inspizierte Ludwig Kossuth die Gefangenen und fordert sie in deutscher und magnarischer Ansprache zum Übertritte "Befreiungslegion" auf.
Die meisten lehnten ab und wurden nun auf einer Insel nächst
Marseille interniert.

Dann brachte man sie nach Nantes und schließlich am 26. Juni nach Napoleonville in der Bretagne. Sie wurden aufs beste behandelt und gut verpflegt.

Am 8. August wurden sie über Rennes nach Paris gebracht. In Paris war jedem, der wollte, der Ausgang gestattet. Über Straßburg, Baden, Kiehl, Stuttgart, Ulm erfolgte dann die Heimreise der nach dem "Frieden von Villafranca" freigelassenen Österreicher. 

Von Linz aus wanderte der beurlaubte Müller zu Fuß in seinen Heimartort Murstetten bei Neulengbach, wo er als Totgeglaubter mit großer Freude empfangen wurde. 

Seine aktive Dienstzeit währte dann ununterbrochen bis 1866 und als Oberjäger zog er wieder nach Italien.