1900 - Johann Schissler Gemischwarenhandel
1908 - Wenzel Schwarz Handlung
Wenzel Schwarz geb. 1873, Kaufmann aus Gutwasser in Böhmen,
Bez. Schüttenhofen
1935 - Karl Hoffmann Handlung
Foto zur Verfügung gestellt von: Cornelia Strasser
1938 - Familie Hoffmann
„Wir verdanken den Murstettnern,
dass wir leben“
Am Kirchenplatz 2 befand sich früher das Haus der Familie Hoffmann, das Bürgermeister Reinhard Breitner, und die Nachfahren der Familie Hoffmann vor einigen Jahren gemeinsam besuchten.
Der alte Pavillon rechts vor dem Kaufhaus Hoffmann.
Die Tochter von Erika Hoffmann teilt diese Geschichte mit uns:
„Der Jude, der Pfarrer und der Bürgermeister halten zusammen“, das pflegte man in Murstetten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu sagen. Von ihrer Mutter, einer Jüdin aus Murstetten, hörte sie oft Geschichten aus dem früheren Dorfleben. Gut bekannt sind ihr aber auch die Erzählungen über die Flucht ihrer Vorfahren vom Perschlingtal nach Israel. Mit der NÖN teilt sie nun ihre Familiengeschichte.
Geschrieben wird das Jahr 1920, als die mittlerweile verstorbene Erika Hoffmann, in Murstetten geboren wird. Obwohl ihr Vater eine gute Beziehung zum katholischen Pfarrer pflegte, bekannte er sich zu einem anderen Glauben. Die Hoffmanns waren die einzige Familie im Ort, die jüdischer Abstammung war. Die Religionsverschiedenheit spielte aber vor dem Zweiten Weltkrieg nie eine Rolle.
Am Bild von links: Vater Hoffmann, davor Erika Hoffmann, in der Mitte die kleine Wilma Hoffmann, dahinter Mutter Hoffmann und rechts das Kindermädchen.
Hoffmanns hatten das einzige Radio im Dorf
Die Familie war, gut in die Dorfgemeinschaft eingebunden. Sie betrieb einen kleinen Laden, in dem Kolonialwaren wie Tee oder Kakao, verkauft wurden. Das Geschäft lief gut. Auch deswegen konnten sich die Hoffmanns als einzige Familie im Dorf ein Radio leisten. Ihr Haus am Kirchenplatz 2 – das heute nicht mehr steht – wurde deshalb regelmäßig zum Treffpunkt für viele Murstettner. Sogar der Bürgermeister kam regelmäßig, um sich mit seinen Kumpanen bei den Hoffmanns die Nachrichten anzuhören.
Begeistert zugehört haben die Menschen im Haus der jüdischen Familie auch den Parolen Adolf Hitlers. Erikas Mutter bezeichnete die Zuhörer damals als „lauter Nazis“. Ohne zu wissen, dass viele von ihnen bereits der nationalsozialistischen Partei beigetreten waren.
Nach dem Anschluss Österreichs im Jahr 1938 bereiteten Erika Hoffmann diese Äußerungen schlaflose Nächte. In Angst über die Zukunft der Familie ging sie zum Bürgermeister und bat ihn um Entschuldigung.
Am Bild von links: Mutter Hoffmann, Wilma Hoffmann und Erika Hoffmann mit Hund.
„Meine Mutter Erika erzählte mir immer, wie groß die Hilfsbereitschaft in Murstetten damals war. Auch in diesen schwierigen Zeiten hat das Dorf zusammengehalten
Trotzdem traten die schlimmsten Befürchtungen tatsächlich ein: Erika Hoffmann konnte den Dorf-Laden nicht, wie ausgemacht, von ihrem Vater übernehmen. Im Herbst 1938 nach dem Novemberpogrom wurden die Hoffmanns gezwungen, ihr Geschäft zu schließen. Von da an ernährte sich die Familie von Waren, die im Geschäft übrig geblieben waren.
Den Dorfbewohnern war das Schicksal der Hoffmanns nicht egal. „Meine Mutter Erika erzählte mir immer, wie groß die Hilfsbereitschaft in Murstetten damals war. Auch in diesen schwierigen Zeiten hat das Dorf zusammengehalten“.
Bürgermeister drängte die Familie zur Flucht
Erst mit dem Erhalt des Deportationsscheins war sich die Familie über den Ernst der Lage im Klaren. Zudem drängte die Hoffmanns auch der damalige Bürgermeister, Österreich zu verlassen. „Meine Vorfahren waren innerlich gespalten. Sie wuchsen in Murstetten auf und sprachen nur Deutsch“, erzählt die Tochter der Geflüchteten. Trotzdem mussten sie weg. Ihre erste Fluchtstation war die „Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Wien“. „Dort mussten sich meine Vorfahren buchstäblich das Ticket kaufen, um weiter zu leben. Die Ausreisegenehmigungen waren sehr teuer.“ Nur durch das Ersparte aus dem Laden konnten sich die Hoffmanns die Ausreise leisten.
Bis sie das „Heilige Land“ tatsächlich erreichten, vergingen fünf Jahre. Zuerst kam die Familie nach Bratislava. Dort verbrachte sie im Lager auf Stroh fast ein Jahr, bis sie auf dem Schiff Richtung Israel war. Aber weil es die Briten den jüdischen Flüchtlingen verwehrt haben, konnten die Hoffmanns in das Gebiet des heutigen Israels nicht einreisen. Sie mussten nach Mauritius. „Die Insel ist zwar für ihre Traumstrände bekannt, aber die Flüchtlinge durften das Lager dort nicht verlassen. Die Familie war die ganze Zeit krank. Typhus und Malaria peinigten das Lager“. Auf Mauritius verbrachte die Familie die Zeit bis 1945. Erst dann wurde ihre Einreise genehmigt.
Über das Schicksal der in Europa gebliebenen Juden erfuhr die Familie erst viel später. „Für meine Mutter war es sehr belastend. Sie hörte auf, an Gott zu glauben und wusste zu schätzen, dass sie den Zweiten Weltkrieg überlebte“.
Eine Rückkehr nach Niederösterreich war für die Familie immer wieder Gesprächsthema. „Meine Mutter wollte unbedingt zurückkehren, aber die Familie war dagegen. Man hat ihr gesagt, dass Juden in Europa nicht willkommen seien. Sie hatte aber in Murstetten keine Feinde. Ganz im Gegenteil wir haben den Murstettnern zu verdanken, dass wir leben. Ohne ihre Hilfsbereitschaft wäre dies unmöglich.“
Familie Hoffmann mit Freunden neben dem Kaufhaus.
Am Bild rechts ist der Pfarrhof zu sehen.
Zu Besuch in Murstetten:
Erika Hoffmann (rechts) mit ihrer ehemaligen Schulfreundin Anna Eder (links)
Erika Hoffmann (links) mit ihrer ehemaligen Schulfreundin Eleonore Kohout (rechts)
Bilder zur Verfügung gestellt von:
der Familie Hoffmann und
Mag. Peter Nussbaumer