Der Ehrenplatz der Murstettner Frauen
Geschichtliche Erzählung aus dem Jahre 1683 von Dechant Josef Puhm, einst Pfarrer von Murstetten.
Vor mehr als einem Viertel Jahrhundert besuchte ich mit meinem Freunde Dr. D., Murstetten zum ersten Male. Wir besichtigten mit großem Interesse die vielen Sehenswürdigkeiten des Dorfes und wohnten auch dem Gottesdienste bei.
Darauf zogen wir auf der Straße, welche durch den schönen Bergwald "Haspel" führt, gegen Neulengbach.
Ein paar Schritte hinter uns marschierte ein alter Mann rüstig nach.
Alles hat seine Zeit - und seine Geschichte! Wer sind wir? Warum tun wir das, was wir tun? Und was zeichnet uns aus? Erfahren Sie hier, wie wir zu dem geworden sind, was wir sind - und was wir dabei alles erlebt haben.
"Hast du bemerkt, daß in der Murstettner Kirche die Frauen den Ehrenplatz, die Bänke auf der rechten Seite, einnehmen?"
fragte der Professor.
"In allen übrigen Kirchen, die ich kenne, kommt der Ehrenplatz den Männern zu.
Warum ist es in Murstetten anders?"
Mein Freund reichte ihm eine Zeitung. Der Alte riß rasch ein Blatt von derselben, drehte es zu einem langen Pfropfen zusammen, zündete ihn mit einem Streichhölzchen an, hielt ihn über seinen dickbauchigen Pfeifenkopf und paffte aus Leibeskräften.
"So, meine Herren", sagte er hierauf, " jetzt kann das Erzählen angehen."
Zu unserem Erstaunen drehte er sich plötzlich um und ging rücklings vor uns her.
"Herr Vetter, Sie marschieren ja wie ein Krebs",
bemerkte der Professor lächelnd.
"Fällt Ihnen diese ungewöhnliche Gangart nicht beschwerlich?"
"Rede ich mit einem, so will ich ihm dabei ins Gesicht schauen", versetzte der Greis.
"Und das Aschlingsgehen, das bin ich gewohnt von meinem Geschäft.
Ich bin nämlich ein Seiler,
der Seilermeister von Tausendblum."
Der Greis berichtete:
"Meine Herren, Sie wissen, daß im Jahre 1683 die Türken die Stadt Wien belagert haben.
Im Juli trafen ihre unzähligen Scharen vor der Stadt ein und umschlossen sie von allen Seiten.
Eine Woche vor ihrer Ankunft hatte der damalige Kaiser Leopold seine Residenz verlassen und war nach Linz geeilt, um dort das Heranrücken der christlichen Heeren, welche Wien vom türkischen Erbfeind erretten sollen, zu beschleunigen.
Da zogen von Norden die Polen herab, von Nordwesten und Western aber die Sachsen und Bayern und die kaiserlichen Truppen heran, um sich drüber der Donau bei Absdorf und Stelleldorf zu vereinigen und dann gegen die Türken vorzugehen. Aber erst anfangs September gelang ihre Vereinigung.
Unterdessen bedrängte und berannte der türkische Feldherr Kara Mustapha mit seinen besten Truppen die Hauptstadt. Er hatte geschworen, Wien um jeden Preis zu erobern. Seine leichten Reiter sprengten inzwischen im Viertel unter dem Wienerwald herum, raubend und mordend, sengend und brennend. Manchen Abteilungen drangen auch in unser Viertel ober dem Wienerwald vor.
Murstetten war damals viel kleiner als jetzt und hatte außer dem Grafenschloss,
der "Goldburg", nicht viel mehr als zwanzig Häuser.
Und die Zahl der Einwohner war durch die Pest,
welche vor dem Kriege wütete, stark verringert worden.
Anfangs August sahen die Murstettner bei Tag mächtige Rauchsäulen aus der Ferne aufsteigen und den Nachthimmel durch Feuerschein gerötet.
Und oft zogen Flüchtlinge vom Tullnerfeld durch das Dorf und erzählten:
"Die Türken rauben alles, was sie erhaschen können, und zünden an, was sie nicht mitzuschleppen vermögen.
Erbarmungslos bringen sie die Männer um, den Weibern und Mädchen fügen sie die größte Schmach zu und schleppen sie und die Kinder fort, um sie als Sklaven zu verkaufen.
So taten sie in St. Andrä, Königstetten, Langenrohr, Sieghartskirchen und an vielen anderen Orten.
Murstettner flüchtet! Sonst seid ihr verloren!"
Angstvoll vernahmen die Bewohner von Murstetten diese traurigen Berichte. Die Ernte stand noch im August auf den Feldern, denn niemand wagte sich auf die Äcker hinaus. Man mußte ja das plötzliche Auftauchen einer türkischen Horde befürchten. Graf Althann, der Herr von Murstetten, hatte bereits mit seinen Dienern und Jägern sein stolzen Schloß, die "Goldburg", verlassen und war zum Kaiser nach Linz geeilt.
Am 8. August - das war ein Sonntag - ließ Andreas Schopf, der Ortsrichter von Murstetten, durch den Hirten Michael Zoll die Leute zusammenrufen.
Sie versammelten sich auf dem Platze vor der Goldburg. Der Richter redete sie an:
" Männer! Wir dürfen nicht länger in unserem Dorfe bleiben. Jeden Augenblick können die Türken kommen.
Was und dann geschehen würde, wisst ihr. Denkt daran, was die Leute von Rohr und Königstetten und Gißkirchen und Abstetten erzählt haben.
Wir müssen flüchten und schnell.
Heute früh ist der gestrenge Herr Pfleger von der Goldburg fort nach St. Pölten. Er hat mir gesagt, wir sollen in den neuen Lengbach (Neulengbach) hinein oder auf Hirziburg (Herzogenburg) hinauf flüchten.
Das Lengbacher Schloß und der Markt Hirziburg haben hohe und starke Ringmauern. Die können die türkischen Banden nicht zusammenschießen weil sie keine Kanonen mithaben.
In den Lengbach haben wir am nächsten.
Männer, ich meine, wir flüchten morgen früh ins Lengbacher Schloß.
Die Frau Gräfin Palffy ist eine gute Frau. Sie nimmt uns auf und hilft uns."
"Warum sollen wir in den Lengbach hinein?" rief der Dorfwirt Michael Zoll.
"Bleiben wir da. In der Goldburg haben wir alle Platz. Sie hat auch Mauern wie das Lengbacher Schloß. Unser Vieh kann im grünen Garten sicher weiden. Und Durst dürfen wir sicher keinen leiden in der Goldburg. Im Schloßkeller liegt mehr Wein als wir trinken können.
Männer! Macht mich zu eurem Kommandanten! Ich wills den Türken schon zeigen. Das verstehe ich. Bin ich nicht in der Schlacht in St. Gotthard in Ungarn drunten dabei gewesen?
Am 1. August waren es gerade 19 Jahre.
Da haben wir die Türken ordentlich geklopft.
Sie sollen nur nach Murstetten harabkommen, wenn ich kommandier`. Da kriegen sie`s wieder. Ich hab` ja vom Marschall Montecuccoli das Kriegführen gelernt!"
"Halter stei still"! entgegnete der Richter. "Wie willst Du die Türken vertreiben? Wir paar Manderln! Und ordentliche Waffen haben wir auch nicht. Und wie schaut die Ringmauer der Goldburg aus?
Stemmen sich die Türken an, werfen sie`s um. Der gestrenge Herr Pfleger und die Jäger wären sicher dageblieben, wenn man die Goldburg verteidigen könnte. Damit ist`s nichts! Männer! Ich fahr morgen ins Lengbacher Schloß. Fahrt ihr mit?
Der Hirt, welchen ein großes Gelüste in den Keller der Goldburg lockte, widersprach nochmals. Die anderen Männer aber stimmten nach kurzer Wechselrede ihrem Richter bei. Dann gingen sie nach Hause, um alle zur Flucht vorzubereiten. Unter Wehklagen luden die Frauen Betten, Kleider und Speisevorräte auch ihre Wagen. "Wie viele Jahre haben wir in Hause zufrieden gelebt und jetzt müssen wir fort!" jammerten viele. "Vielleicht sehen wir`s nicht mehr! Oder finden`s, wenn wir doch heimkommen, als Trümmerhaufen."
Die Mehrzahl der Erwachsenen brachte die Nacht schlaflos zu. In der Früh verließen die Frauen und Kinder schluchzend die Häuser, und auch die Augen der Männer und Burschen feuchteten sich beim Aufbruch.
Nur der Hirt Zoll bliebe trotzig zurück und begab sich mit seinem Weibe und seinen zwei halbwüchsigen Söhnen in die Goldburg.
Die übrigen Männer trieben ihre Gespanne an.
Die meistern Fuhrwerke wurden von Ochsen und Kühen gezogen. Denn damals gab es nur wenige Pferde in der Gegend.
Auf jedem Wagen stand ein großer Tragkorb, in dem der Haushahn und die Hennen mit gebundenen Flügeln verwahrt wurden.
Auf einigen lagen auch Weinfäßchen.
Während die Mannsleute ihre Zugtiere im Hohlweg um den Friedhof herum zum Wald emporlenkten, führte Brigitta Schopf, des Dorfrichters kluge Tochter, die Frauen und Kinder in die Kirche.
Dann beteten sie kurz, aber inbrünstig, versperrten darauf die Türe, nahmen den Schlüssel mit - damals gab es keinen Priester in Murstetten - und eilten den Wagen nach.
Langsam ging die Fahrt in dem ausgewaschenen Hohlweg aufwärts zum Haspel und durch den Wald.
Als der Zug das Ende erreichte, rief der Richter Andreas Schopf, welcher voraus ging, laut:
"Schauts dort hin! Links vom Buchberg die große Rauchsäule!
Da liegt Rapoltenkirchen und Kogl. Dort sind also die Türken schon. Schnell vorwärts! Vielleicht können wir noch vor ihnen zum Schloß kommen!"
Die Zugtiere wurden angetrieben. Allein als man nach Schwertfegen gelangte, bemerkte man, daß die Häuser des Marktes Neulengbach bereits zu brennen anfingen. Alle erblaßten vor Schreck. Denn jetzt war ihnen der Weg zur Flucht abgeschnitten.
"Wir müssen umkehren", sagte der Richter Schopf, der sich zuerst ermannte. "Fahren wir auf Hirziburg! Kasper, du bleibst hier am Waldsaum stehen und paßt auf, ob keine Türken kommen!" befahl er seinem jungen Knechte. "Ich gehe voraus und schaue, ob nicht vielleicht andere Feinde von Würmling (Würmla) heraufreiten."
Rasch eilte er in den Wald. Der Zug machte kehrt und folgte ihm nach.
Als man zu den drei Tafeln kam. erschien der Richter wieder und meldete ihm mit sorgenvoller Mine:
"Der Türk ist schon in Würmling. Jetzt dürfen wir nicht aus dem Haspel hinaus, sonst überrascht uns der Feind auf freiem Feld. Bleiben wir im Wald, bis es dunkel wird. In der Nacht trachten wir nachher auf Hirziburg."
Fahren wir auf den Mitterkern", schlug ein Mann vor.
"Dort haben sich unsere Vorfahren bei Feindesgefahr öfters versteckt. Auch uns finden sie dort nicht. Und dann haben wir gleich daneben im Saugraben Wasser."
Hier unterbrach der Seilermeister seine Erzählung und erklärte uns, indem er auf eine Fichte wies, welche drei gerahmten Heiligenbilder trug:
"Hier sind die drei Tafeln.
Links kommt man zu einem schmalen Weg, welcher auf den Mitterkern führt.
Der Mitterkern ist ein Waldsitz, welcher von zwei tiefen Schluchten begrenzt wird.
Kommen wir auf die Lichtung hinaus, so zeig ich ihn.
Der Graben, welcher zur linken Hand hier anfängt, jetzt, "Totengraben",
genannt, hieß früher "Saugraben" wegen der Wildschweine, die da anzutreffen waren.
So, meine Herren, jetzt stehen wir auf der Lichtung.
Dort links, der abgeholzte Spitz, ist der Mitterkern.
Aber auf der anderen Seite des tiefen Grabens sehen sie einen steilen Abhang, der "Neunjoch" heißt.
Meine Herren, merken Sie sich das, weil ich davon erzählen werde. Im Jahre 1683 konnte man hier vom Fahrtweg aus, nicht hinüber sehen. Denn damals stand hier Hochwald. Auch der Mitterkern war dicht bewachsen.
Nur die "Neunjoch" waren frisch abgeholzt.
Schauen Sie sich den tiefen Graben und den lange, steilen Abhang der "Neunjoch" gut an!"
Der Seiler von Tausendblum fuhr nun wieder in seiner Erzählung fort:
"Die Murstettner ließen ihre Wagen aschlings in den Mitterkernweg hinein, weil man auf dem Spiß nicht wenden konnte, spannten die Zugtiere aus und führten sie zur Tränke in den Saugraben hinunter. Der Richter verbot, ein Feuer anzuzünden, weil der Rauch den Zufluchtsort hätte verraten können. Dann ordnete er an, die Frauen und die erwachsenen Mädchen sollten die Kühe melken, damit jung und alt warme Milch erhielten, und befahl den Burschen darauf, die Rinder zur Weide auf die abgeholzten Neunjoch zu führen.
Dann schnitt er sich ein Stück Brot ab, trank aus der Quelle im Graben und eilte gegen Norden auf
Eichleiten,
um von dort aus das Tal und die Hügel zwischen Murstetten und Würmla zu überwachen.
Die Frauen und Mädchen molken die Kühe, fingen die Milch in Kochtöpfen auf, reichten sie den Kindern, genossen selbst davon und boten sie den Mannsleuten an. Allein diese verschmähten den kuhwarmen Trank. Lieber wollten sie das trockene Brot mit einem anderen Naß befeuchten, hoben ein Weinfäßchen vom Wagen, öffneten den Verschluß, höhlten Hollunderrohre aus und schlürften durch diese abwechselnd den Wein aus dem Fasse.
Brigitta Schopf, des Richters Tochter, erinnerte nun die Zecher an den Auftrag ihres Vaters, sie sollten die Tiere auf die Weide führen.
Allein der Bursche Balthauser erwiderte lachend. "Wenn uns nur der Wein nicht so gut schmeckte, die Ochsen und Kühe sollen ein bißchen fasten."
Auch die anderen Mannsleute weigerten sich.
Die Frauen und Mädchen molken die Kühe, fingen die Milch in Kochtöpfen auf, reichten sie den Kindern, genossen selbst davon und boten sie den Mannsleuten an. Allein diese verschmähten den kuhwarmen Trank. Lieber wollten sie das trockene Brot mit einem anderen Naß befeuchten, hoben ein Weinfäßchen vom Wagen, öffneten den Verschluß, höhlten Hollunderrohre aus und schlürften durch diese abwechselnd den Wein aus dem Fasse.
Brigitta Schopf, des Richters Tochter, erinnerte nun die Zecher an den Auftrag ihres Vaters, sie sollten die Tiere auf die Weide führen.
Allein der Bursche Balthauser erwiderte lachend. "Wenn uns nur der Wein nicht so gut schmeckte, die Ochsen und Kühe sollen ein bißchen fasten."
Auch die anderen Mannsleute weigerten sich.
Brigitta wandte sich nun an die Frauen und Mädchen. Diese folgten ihr sogleich, nahen die kleinen Kinder auf den Arm. befahlen den größeren mitzugehen und trieben die Zugtiere bergan auf die Wiese.
Auf dem oberen Ende des Abhanges der Neunjoch waren viele Bloche übereinander gelagert, da sie schon im Frühjahre zum Fortschaffen hergerichtet hatte.
Inzwischen rollten die Mannleute ihre Weinfäßchen abwärts zur Quelle, weil es dort kühler war, und schlürften abwechselnd aus denselben und wurden bald lustig.
Der Bursche Balthauser, der Kamerad des Kasper, erinnerte sich an seinen Freund auf dem Wachposten, brachte ihm Brot und einen Topf voll Wasser an den Saum des Waldes und erzählte ihm vom Gelage an der kühlen Quelle.
Kaspar war sogleich geneigt, seinen langweiligen Platz zu verlassen und sagte:
"Balthauser, ich hol` mir ein paar Schluck Wein, dann komme ich wieder. Bleib du daweil als Wachposten da."
"Kasper, ich geh, mit Dir", versetzte der Balthauser.
Der andere war einen forschenden Blick auf die Gegend von Schwertfegen und Raipoltenbach und sagte:
"Ich sehe nichts Verdächtiges. In einer halben Stunden bin ich wieder zurück und der Richter weiß ja nichts.
Komm!"
Beide begaben sich rasch zu den zechenden Männern in den Saugraben.
Kasper nahm ein Hollunderrohr und trank gierig aus dem Fasse.
Der Wein machte ihn bald lustig
Statt auf seien Posten zurückzukehren, trieb er allerlei Späße. Seine Zuhörer lachten und vergaßen auf die Gefahr, besonders als der übermütige Kasper einen neuen Scherz begann.
Er besaß nämlich große Fertigkeit im Krähen, dadurch hatte er schon oft die Hähne in der Nacht verleitet, zur unrechten Zeit zu krähen.
Das fiel ihm nun ein, rasch kletterte er zu den Wagen aufwärts und löst den Hähnen in den Körben die Flügel, dann eilte er wieder zu der Quelle zurück, blederte und krähte bald hell wie ein junges Hähnchen, bald dumpf wie in hochbetagter Haushahn und machte es so täuschend, daß sich die Hähne in den Körben irreführen ließen. Auch sie blederten und krähten. Kasper antwortete unermüdlich. Die angeheiterten Männer und Buben lachten über den Wettstreit zwischen Kasper und den Hähnen dergestalt, daß sie sich die Seiten halten mußten.
Auch sie blederten und krähten. Kasper antwortete unermüdlich. Die angeheiterten Männer und Buben lachten über den Wettstreit zwischen Kasper und den Hähnen dergestalt, daß sie sich die Seiten halten mußten.
Plötzlich erstarrten sie vor Schreck. Wilde Gesichert erschienen zwischen den Baumstämmen auf der lichten Böschung.
Die Türken!
Sie waren von Neulengbach gekommen und hatten auf dem Waldwege ds Krähen vernommen. Da sie dachten, wo Hähne seien, müsst auch ein Gehöft zu treffen sein, bogen sie vom Fahrwege ab und ritten vorsichtig zu der Stelle, an der gekräht wurde.
Als sie nun die lustigen Murstettner erblickten, rissen sie ihre krummen Säbel aus der Scheide und drangen auf die überraschten Männer und Burschen ein. Jetzt wollten diese fliehen. Nichts half ihnen ihr Bitten, nichts ihre Schreien.
Sie wurden sämtlich von den Türken im Saugraben niedergemetzelt.
Die Frauen und Mädchen vernahmen auf der Höhe droben die verzweifelten Hilferufe. Angstvoll liefen sie bergab. Da sehen sie in der Tiefe drunten die Türken mit ihren blutigen Säbeln und bleiben erschreckt stehen. Ein Türke blickte empor, bemerkte sie und machte seine Genossen auf sie aufmerksam. Sogleich wendeten die Reiter ihre Pferde gegen den freien Abhang, um die Frauen zu erhaschen.
Diese wollten fliehen. Da rief ihnen Brigitte Schopf ein lauten "Halt!" zu. Denn ihr war ein guter Gedanke gekommen.
"Lassen wir die Türken herauf, so holen sie uns ein!" rief sie hastig.
"Da seht, die Blöcher rollen wir gegen die Türken hinunter. Schnell, schnell!"
Sogleich kletterten sie auf den nächsten Stoß des Blochholzes und stemmten sich gegen das Block, welche zu oberst lag.
Andere Mädchen kamen ihr zu Hilfe. Das Bloch wurde mit vereinten Kräften gehoben, polterte über die unteren hinab und kollerte immer schneller über den steilen Abhang, den Reitern entgegen.
Diese schrien auf, sprangen von den Pferden und wollten seitwärts laufen.
Allein, schon hatte das Holz zwei Türken getroffen, zerschmettert und in den Abgrund geworfen.
Ein zweites, ein drittes Bloch kam nachgesauste und tötete Menschen und Pferde. Inzwischen hatten auch die anderen Mädchen und Frauen die benachbarten Blochstöße bestiegen und ließen das Holz hinunterkollern, ein Bloch nach dem anderen.
So wurden alle Türken getötet bis auf einen. Brigitte , welche vorgetreten war, sah, wie er den gegenüberliegenden Abhang erklomm und in der Richtung nach Neulengbach enteilte. Erschöpft setzten sich die tapferen Frauen und Mädchen nieder. Da kam der Richter, welcher das Dröhnen der niedersausenden Bloche vernommen hatte, herbeigeeilt.
In kurzen Worten erzählte ihm seine Tochter, wie sie und ihre Genossinnen sich verteidigt hatten.
Andreas Schopf lobte ihren Heldenmut. Darauf stieg er vorsichtig in den Graben.
Dort lagen die zerschmetterten Türken mit ihren Pferden, halb bedeckt vom Blochholz. Das Wasser des Bächleins war rot gefärbt vom Blute der Getöteten.
"Wo sind die Männer und Burschen?" fragte der Richter voll Angst. Man durfte nicht lange suchen. Nicht weit von den Türken, unter der Spitze des Mitterkerns, lagen die Leichen der Murstettner mit klaffenden Wunden nebeneinander.
Bei diesem Anblicke schrien die Frauen auf. Da warf sich eine Gattin neben ihrem Manne nieder, da eine Mutter neben ihrem Sohne, da eine Schwester neben ihrem Bruder. Sie riefen ihnen die zärtlichsten Namen zu, aber keiner antwortete, keiner seufzte, keiner atmete mehr. Die krummen Säbel der Türken hatten zu gut getroffen. Herzzerreißend weinten und wehklagten die Frauen und Kinder.
Der Richter wendete sich ab, um seine eigenen Tränen zu verbergen. Doch wußte er, daß er vor allem Selbstbeherrschung und Fassung gewinnen müsse; denn in noch höherem Maße als früher hatte er jetzt für die letzten Murstettner zu sorgen.
"Denkt an die unmündigen Kinder, die hier sind, und jammert nicht!" sagte er nach einer Wiele mit fester Stimme. "Uns allen droht die höchste Gefahr. Der Türke, der entkommen ist, wird andere aus dem neuen Lengbach (Neulengbach) holen.
In anderthalb Stunden könnten sie schon hier sein. Wollen wir die Kinder und uns selbst retten, so dürfen wir keine Zeit verlieren. Wir müssen auf Hirziburg. Brigitta, nimm ein paar Mädchen mir ir. Holt schnell die Zugtiere. "Seine Tochter gehorchte. Unterdessen trug der Richter mit Hilfe der Frauen die Leichen der Murstettner zu den Wage, um sie nach Herzogenburg mitzunehmen. Denn dort sollten sie ein christliches Begräbnis erhalten.
Als die toten sicher gelagert waren, spannte man die Zugtiere vor die Wagen und fuhr auf dem Kamme des Haspelwaldes gegen Westen. Dann in der Schlucht nach Gunnersdorf hinab, hierauf durch Thalheim und Haselbach nach Perschling und von da nach Kapelln.
Der Richter wählte diesen Weg, weil er durch die gegen Osten und Süden liegenden Hügel dem Zuge Deckung gegen Späherblicke bot.
Als sie Kapelln und Etzerdorf hinter sich hatten, blickte Brigitta nach Murstetten zurück und stieß einen Schrei aus. Nun wandten sich auch die anderen um und sahen entsetzt ihr Heimatdorf in Flammen. Die Türken, welche der Reiter, der dem Tode im Walde entgangen war, zur Rache aufrief, hatte die Häuser in Brand gesteckt. Schon brannte auch die Kirche und die vier Türme der Goldburg. Bei diesem schaurigen Anblick begannen die Flüchtlinge laut zu schluchzen.
Der Richter tröstete sie mit milden Worten und forderte sie auf, mit ihm für ihre ermordeten Landsleute zu beten, währen sie weiterzogen.
Als sie das rettende Herzogenburg vor sich sahen, bemerkte Brigitta mitleidig:
"In der Goldburg ist wohl der Halter mit seinem Weibe und den Buben verbrannt."
"Die sind schon in Hirziburg", versetzte der Vater.
"Um die Mittagszeit sah ich vier Leute die Goldburg verlassen und über den Hasenbigl davoneilen. Der Letzte wackelte ein bißchen. Das war der Halter, Währen er im Keller trankt, hat er wohl eingesehen, daß er die Goldburg nicht halten könne."
Beim Sonnenuntergange kamen die Flüchtlinge nach Herzogenburg und fanden im Stifte liebevolle Aufnahme.
Der Hirt Michael Zoll und seine Familie erwarteten sie bereits und hörten nun mit Schaudern die Kunde von dem Blutbade im Saugraben.
Am folgenden Tage wurden die Murstettner Toten begraben. Ganz Herzogenburg nahm am Leichenbegräbnis teil.
Wenige Tage darauf erschienen türkische Schwärme vor den Mauern von Herzogenburg.
Da sie keine Kanonen besaßen, konnten sie dem Markte keinen Schaden zufügen.
Der Hirt Zoll forderte die Bürger auf, mit ihm einen Ausfall auf die Feinde zu unternehmen.
Das erstmal folgte niemand seinem Rufe.
Als aber einige Tage später eine andere Reiterschar vor dem St. Pöltner Tore auftauchte, schlossen sich ihm viele Herzogenburger und auch Bauern, die in dem Markte Zuflucht gefunden hatten, an.
Zoll führte seine Mannen durch ein Seitenpförtchen in den Rücken der Feinde, überfiel sie plötzlich, schoß zwei Türken vom Pferde und schlug die übrigen mit Hilfe seiner Genossen in die Flucht.
Ehemaliges St. Pöltner Tor in Herzogenburg, St. Pöltner Straße 27
Bild aus 2024, Quelle: google maps
Als er an der Sitz seiner Brüder mit seinen beiden erbeuteten Pferden zurückkehrte, stieg sein Ansehen mächtig, und man nannte ihn von da an den "tapferen Halter" oder auch den "kleinen Montecuccoli", weil er den Namen des Siegers von St. Gotthard so häufig im Munde führte und Behauptete, er habe von diesem Feldherrn das Kriegführen gelernt.
Einen Monat weilten die Murstettner Flüchtlinge bereits in dem gastfreundlichen Herzogenburg, als die Kunde einlief, die christlichen Heere seien bei Tulln auf zwei Schiffbrücken über die Donau gezogen und rückten nun schon in Schlachtordnung gegen Wien vor.
Wirklich vernahm man 3 Tage später, am 12. September, einem Sonntage, fernen Kanonendonner.
Alle eilten in die Stiftskirche und flehten um den Sieg der Christen.
Am Abende dieses Tages flammten auf den Höhen die Freudenfeuer auf und verkündeten die heißersehnte Botschaft von der Befreiung der Stadt Wien. Und am Morgen brachten Eilboten die Nachricht von der gänzlichen Niederlage des Erbfeindes.
Bürger und Bauern jubelten, umarmten einander entzückt und zogen zum Dankgottesdienst in die Stiftskirche.
Andreas Schopf kehrte mit seinen Landsleuten nach Murstetten zurück. Zwar flossen ihre Tränen reichlich, als sie an ihre Trümmerstätten ihrer Häuser standen, aber der Richter forderte sie zu Gottvertrauen auf.
Einträchtig sammelten sie die Ernte, die noch auf den Feldern zu finden war, und richteten ihre Wohnungen und Ställe notdürftig her.
Auch Graf Althann erschien wieder in Murstetten und spendete seinen Untertanen Hilfe.
Im folgenden Jahre berief er kräftige Arbeitsleute aus dem katholischen Schwaben und aus Bayern als Ersatz für die ermordeten Männer und Burschen.
Dann versah man die abgebrannte Kirche mit einem Notdach und richtete sie auch im Inneren wieder ein. Der Graf holte genaue Berichte über die Ereignisse des 9. August.
Mit Wohlgefallen hörte er, wie umsichtig der Richter Andres Schopf für seine Mitbürger an jenen schweren Tagen gesorgt hatte, und voll Bewunderung vernahm er, wie entschlossen und tapfer die Frauen und Mädchen unter der Führung der Brigitta Schopf ihre Ehre geschützt hatten; deshalb beschloß er, ihnen eine besonders Auszeichnung zu gewähren.
Am 9. August 1684 ließ er alle Murstettner in den Hof der Goldburg zusammenrufen, trat, umgeben von seinen Beamten und Dienern, vor seine Untertanen und ließ durch seine Pfleger folgende Kundmachung in der damals üblichen Amtssprache verlesen:
"Allen unseren lieben und getreuen Untertanen unseren gnädigsten Gruß zuvor! Es ist uns zur Kenntnis kommen, daß der dasige Richter Andreas Schopf sich in den Kriegswirren verständig benommen, in gleichen sich als ein wahrer Vater der Gemeinde sonderlich hervorgetan habe. Derohalben sprechen wir ihm unser huldvollstes Lob aus und derorndenn und gebieten: Andre Schopf soll bis zu seinem Ableben Richter des Dorfes sein. In gleichen bestimmen wir: Sin Söhnlein Andre soll einst sein Nachfolger werdn, sofern er so lobelich geartet sein wird wie sein Vater, was wir verhoffen.
Andertens verordnen und bestimmen wir: Alle dieweil und sintemalen des Richters Töchterl Brigitta Schopfin und die anderen Weiber und Menscher am 9. August 1683 gegen die räuberischen türkischen Schandbube wie unerschrockene Helden und Kriegsmänner gekämpft und gestritten , ihre Ehre und Reinheit tapfer verteidigt und dem Erbfeind im Haspel mannigen Schaden bereitet und zugefügt haben, so sollen die besagten Weiber und Menscher von Murstetten, wenn sie auf dem Ehrenplatz in der dasigen Kirche sind, der Tugend und Tapferkeit der Brigitta Schopf und ihren Gesellinnen gedenken und ebenso wie die besagte Brigitta Schopf und ihre Gesellinnen ihre Züchtigkeit und Ehre und Tugend rein erhalten und tapfer verteidigen."
Als der Pfleger dies zu Ende gelesen hatte, sprach der Graf langsam und feierlich:
"So ist es unser, des Grafen Althann, Freiherrn auf der Goldburg zu Murstetten, gnädiger Wille."
"So, meine Herren!"
schloß der Seilermeister von Tausendblum seine Erzählung.
"Jetzt wissen Sie, warum in der Murstettner Kirche die Frauen den Ehrenplatz innehaben."
"Besten Dank für Ihren interessanten Bericht, lieber Meister!" versetzte der Professor. "Woher haben Sie diese Erzählung?"
"Aus einer alten Zeitschrift", antwortete der Seiler. "Ich habe sie von meinem Großvater geerbet und ein paar hundert Male gelesen, so daß ich sie auswendig kann." "Ist diese Schrift verkäuflich?" forschte Professor Dr. D. "Ein paar Hunderter wollte ich gerne für sie bieten." "Ein paar Hunderter, so viel?" rief der Seiler verwundert. Denn damals galten hundert Gulden als viel Geld.
"Leider habe ich die Schrift nicht mehr. Vor 14 Tagen wollte ich abends meine Pfeife anzünden, suchte im Finstern nach Papier zu einem Fidibus und erwischte unglücklicherweise die alte Schrift. Sie ging in Feuer auf wie Sodom und Gomorrha."
(Die Erzählung erschien im Volksbundkalender 1923. Sie wurde von Herrn Oberlehrer Hans Halbwidl, Murstetten und Herrn Oberlehrer Benno Haase, Asperhofen, zur Verfügung gestellt.)
Text aus der Chronik von Murstetten